Es muss mehr Druck auf Israel ausgeübt werden – Im Gespräch mit Rolf Verleger

Am 17. März stehen Wahlen in Israel an. Während der israelische Präsident Netanjahu in den USA auf Wahlkampftour ist und dabei Angst und Schrecken vor dem Iran schürt, werden in Europa die Stimmen lauter, antisemitische Tendenzen würde erneut zunehmen. Wir sprachen mit dem Psychologen und ehemaligen Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, Rolf Verleger, über die Aussagen von Josef Schuster (Vorsitzenden des Zentralrats der Juden), den israelischen Wahlkampf, den Auswirkungen des Israel-Palästina Konflikts auf Europa und über die Politik Israels gegenüber den PalästinenserInnen. Während des Gazakrieges 2014 engagierte er sich massiv gegen den Krieg 

Die Freiheitsliebe: Herr Verleger, würden Sie mit einer Kippa durch muslimisch geprägte Stadtteile gehen wie z.B. Duisburg Marxloh?

Rolf Verleger: Der erste Teil Ihrer Frage ist: Würde ich mit einer Kippa durch die Stadt gehen? Nein. Denn ich trage sie ja nicht einmal zu Hause, denn ich bin seit meinem 18. Lebensjahr nicht mehr religiös im orthodoxen Sinne. Damals, als Jugendlicher, habe ich sie zu Hause getragen und beim Herausgehen in die Hosentasche gesteckt. Ebenso wie ich das eigentliche religiös vorgeschriebene Kleidungsstück (die Kippa ist ja nur eine Sitte), nämlich die Schaufäden an den „vier Ecken“ eines Hemdes, nicht offen sichtbar herumbaumeln ließ. Es war sowieso nicht deutschjüdische (von meiner Mutter) oder polnischjüdische (von meinem Vater) Sitte, draußen eine Kippa zu tragen. Wer wirklich religiös war, trug draußen einen Hut oder eine Mütze, denn die Kippa war zu klein oder konnte ja wegwehen. Wenn ich jetzt eine Kippa trage, dann in der Synagoge oder zu anderen religiösen Anlässen, wie z.B. auf dem Foto bei der Bar-Mizwa-Feier meines Neffen. Keiner meiner jüdischen Bekannten in Deutschland trägt oder trug eine Kippa auf der Straße – die nichtreligiösen sowieso nicht und die religiösen tragen eine Mütze oder einen Hut. Eine Kippa auf der Straße tragen ist ein politisches Statement, eine Ein-Mann-Demonstration: „Seht her, ich bin jüdisch, und ich möchte, dass alle es sehen.“

Daher ist meine Antwort auf den zweiten Teil der Frage: Würde ich so eine Kippa in einem muslimisch geprägten Stadtteil tragen, z.B. in den Mannheimer Quadraten oder in Neukölln? (In Marxloh war ich noch nicht.) Ja, das würde ich im Sinne eines politischen Statements tun: „Seht her, ich bin jüdisch, und ich möchte Euch sagen, dass es auch Juden gibt, die das Unrecht ablehnen, das der sogenannte ‚jüdische Staat‘ den Palästinensern antut, gerade auch wegen unserer jüdischen religiösen Tradition.“ Man kann die Kippa auch als ein anderes politisches Statement in muslimisch geprägten Stadtteilen tragen, nämlich „Ich bin Jude und unterstütze Israel.“ Dann könnte man vielleicht Ärger bekommen, wegen der berechtigten Solidarität vieler Muslime mit den Palästinensern.

Die Freiheitsliebe: Fühlen sie sich als „Jude in Europa“ sicher?

Verleger: Ich freue mich, dass ich in einem Deutschland lebe, in dem das Bedauern über das, was der Generation meiner Eltern und Großeltern angetan wurde, spürbar ist. Insofern fühle ich mich hier sicher und habe ein Grundvertrauen, dass sich etwas Vergleichbares nicht wiederholen wird. Das Problem ist, dass der Nahostkonflikt nach Europa und Deutschland zurückschlägt, weil 1) Deutschland und die EU Israel mit seinen Verbrechen gewähren lassen. 2) Israel daher weiter Korrekturlos und Bindungslos Dinge macht, die nicht zu rechtfertigen sind, und damit Unmut produziert, und 3) die Repräsentanz der deutschen Juden sich zu Israels Politik solidarisch verhält und damit den Unmut auf uns Juden lenkt. Insofern bewirken Deutschland und die EU, Israel und die jüdischen Repräsentanten, dass die Unsicherheit für Juden in Europa steigt.

Die Freiheitsliebe: Teilen Sie die Meinung von Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, dass JüdInnen hierzulande vermehrt antisemitischen Übergriffen ausgesetzt sind, besonders in sogenannten muslimisch geprägten Stadtteilen?

Verleger: Ich merke davon nichts. Aber das ist natürlich mein subjektives Gefühl. Josef Schuster mag ja aufgrund anderer Erfahrungen ein anderes Gefühl haben. Harte Daten kenne ich dazu nicht. Ich finde, dass die Situation keineswegs mit der rassistischen Stimmung vor 20 Jahren vergleichbar ist, als in Mölln und Solingen türkische Familien verbrannten und hier in Lübeck auf unsere Synagoge ein Brandanschlag verübt wurde.

Die Freiheitsliebe: Ist die Aussage von Schuster nicht sogar tendenziell rassistisch, wenn er die muslimisch geprägten Stadtteile hervorhebt? Gibt es dafür irgendwelche Belege dass MuslimInnen antisemitischer seien als die restliche Bevölkerung?

Verleger: Natürlich gibt es Belege, dass von Muslimen für Juden in Europa gegenwärtig erhöhte Gefahr ausgeht: Die Attacke auf die jüdische Schule in Toulouse 2012, die Attacke gegen den jüdischen Supermarkt in Paris 2015, die Attacke gegen die Bat-Mizwa-Feier in Kopenhagen 2015. Ich kann da bei Josef Schuster keinen Rassismus erkennen. (Er hat sich ja auch unzweideutig gegen „Pegida“ positioniert.) Nur: Kann man diese Gewalttaten als Ausdruck von „Antisemitismus“ verstehen? Doch nur, wenn man vergessen machen will, wo dieser Zorn herkommt: Er kommt aus der Solidarität mit der Ohnmacht der Palästinenser gegen die Landraubenden, terrorisierenden und mordenden Israelis, siehe oben.

Die Freiheitsliebe: MuslimInnen sehen sich ja selber starken Rassismus ausgesetzt, ein Widerspruch?

Verleger: Im Allgemeinen haben diejenigen Deutschen, die eine schlechte Meinung über Juden haben, in gleichem Ausmaß eine schlechte Meinung über Muslime. In diesem Sinne sitzen wir Juden mit den Muslimen und anderen Minderheiten in einem Boot. Keiner hat das so klar und authentisch zum Ausdruck gebracht wie unserer Zentralratsvorsitzender Bubis, als er damals vor 20 Jahren in Mölln, Rostock-Lichtenhagen, Solingen zur Stelle war.

Die Freiheitsliebe: Wird der Antisemitismus-Begriff hierzulande nicht manchmal überstrapaziert, wie es zuletzt Gil Bachrach in der Zeit beschrieb?

Verleger: Der Artikel von Herrn Bachrach enthält den richtigen Gedanken, dass unsere Generation sich nicht als Opfer stilisieren soll. Die Hauptaussage des Artikels ist aber leider das, was er nicht sagt: Er blendet Israels Unrecht aus, den offensichtlichen Grund des muslimischen Unmuts gegen Juden.

Die Freiheitsliebe: Tragen Philosemiten, wie z.B. die sogenannten Antideutschen, zur Verwässerung des Antisemitismus Begriffs bei?

Verleger: Wenn wir den etwas abgehobenen Begriff „Philosemiten“ mit „Freunde des Judentums“ übersetzen: Ich glaube nicht, dass solche Leute Israel aus Liebe zu Juden und zu jüdischer Tradition unterstützen. Insofern sind das keine Philosemiten. In der Tat verwischen solche Leute die Ungeheuerlichkeiten der Nazi-Zeit, wenn sie den berechtigten Protest gegen Israels Unterdrückung der Palästinenser mit dem Rassenhass der Nazis gleichsetzen.

Die Freiheitsliebe: Oder bedienen sie gar die selben Argumentationsmuster, wie einen von ihnen Begleitete Studie zeigt?

Verleger: Laut der repräsentativen Stichprobe in der Studie von Wilhelm Kempf haben die Unterstützer Israels (ca. 30% der deutschen Bevölkerung im Durchschnitt mehr Vorurteile gegen Juden (und gegen Muslime) und weniger Kenntnisse über Israel als die Unterstützer Palästinas (ca. 45% der deutschen Bevölkerung).

Die Freiheitsliebe: Moshe Zuckermann, Soziologe aus Israel, erklärte unlängst in einem WDR Interview, in Deutschland wurde der Antisemitismus Begriff und der Umgang mit Antisemitismus so lange instrumentalisiert, dass man glauben muss, dass man in Deutschland gar nicht wisse was Antisemitismus sei. In Deutschland werden Antisemitismus, Antizionismus und Kritik am Staat Israel häufig gleichgesetzt, so das eine objektive und kritische Auseinandersetzung schwer möglich ist?!

Verleger: Ja. Hier zu differenzieren habe ich mich in unserem Gespräch bemüht.

Die Freiheitsliebe: Herr Verleger, In Israel finden am 17. März Wahlen statt, könnten Sie mit gutem Gewissen eine dortige Partei unterstützen?

Verleger: Ach, die israelische Gesellschaft wird sich nicht allein aus dem ideologischen Sumpf ziehen können, in den sie immer mehr hineingerät. Hier helfen nur klare Vorgaben von außen: Von uns, entweder auf Regierungsebene über die EU, oder von der Basisgesellschaft, mittels Boykottmaßnahmen wie früher gegen Südafrika.

Die Freiheitsliebe: Israels Präsident Benjamin Netanjahu ist im Wahlkampf und war vor kurzem in den USA, gegen den Willen des US-Präsidenten und hielt vor dem Kongress eine Rede. Erinnert seine Rhetorik gegenüber dem Iran nicht ein wenig an die kalte Kriegsrhetorik der 80er hierzulande, oder aktuell an Gauck?

Verleger: Kriegsrhetorik ist das eine. Der beste aktuelle Vergleich dazu scheint mir George W. Bush und seine republikanischen Gesinnungsfreunde. Das andere ist, dass Netanjahu mit der angeblichen iranischen Gefahr abzulenken versucht von den massiven Menschenrechtsverletzungen Israels gegenüber den Palästinensern. Dazu fällt mir im heutigen Deutschland nichts Vergleichbares ein.

Die Freiheitsliebe: Sollten Jüdinnen Netanjahus Aufruf folgen, den er im US-Kongress wiederholt hat, und nach Israel ziehen?

Verleger: Dieser Aufruf ist obszön. Die Gefahr für die Juden Europas entsteht durch die Unrechtsmaßnahmen der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern. Sie werden fortwährend vertrieben, enteignet, leben in ständiger Angst um Leib und Leben. Dieses Unrecht schlägt jetzt zurück. Wenn ausgerechnet Netanjahu, der als Regierungschef für all das die Verantwortung trägt, die europäischen Juden dazu aufruft, nach Israel auszuwandern, dann handelt er zynisch. Ich bleibe in Deutschland.

Die Freiheitsliebe: Israel hält Palästina im Würgegriff: Erst kürzlich wurde der Siedlungsbau ausgeweitet, Hilfen für Gaza werden bürokratisiert und erschwert – Die Wahlen scheinen keinen Ausweg zu zeigen. Gibt es eine Möglichkeit für Frieden zwischen Israel und Palästina, die eine Mehrheit der Menschen in Israel hinter sich bringen könnte? Sind die Grenzen von 1967 noch vermittelbar?

Verleger: Wie gesagt, von alleine wird es die israelische Gesellschaft nicht tun. Es muss von uns Druck aufgebaut werden. Aber eines erscheint mir klar: Das erlösende Wort für eine Lösung des Konflikts muss von Israels Regierung kommen, indem sie die Palästinenser für das an ihnen begangene Unrecht seit den Vertreibungen von 1947 bis zum heutigen Tag um Verzeihung bittet.

Die Freiheitsliebe: Moshe Zuckermann ist sich sicher: Israel braucht den Antisemitismus im Ausland und bekämpft ihn daher nicht.

Verleger: Er meint damit wahrscheinlich das, was ich oben gesagt habe: Unmut gegen Juden entsteht doch vor allem durch Israel, durch die laxe Reaktion unserer Politik und die Solidarisierung unserer jüdischen Repräsentanten mit Israel. Diesen berechtigten, durch Israel selbst hervorgebrachten Unmut bezeichnet Israel als „Antisemitismus“ und nimmt ihn als Grund, zur Einwanderung nach Israel aufzurufen.

Die Freiheitsliebe: In diesem Jahr wird das 50. Jubiläum zur Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel gefeiert. Sehen Sie diese Geschichte als Erfolgskonzept, auch wenn jegliche Kritik an der israelischen Politik aus Europa, besonders aber aus Deutschland, als Antisemitismus deklariert wird?

Verleger: Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Israel unter Bundeskanzler Erhard war die Fortsetzung der Politik Adenauers, durch Wohlverhalten gegenüber Israel den Eintritt in die westliche Gemeinschaft abzusichern. Dies hatte wenig mit der erst später einsetzenden Bereitschaft zu tun, sich der Nazi-Vergangenheit wirklich zu stellen. Es gab aber immerhin jungen Deutschen den Rahmen, durch Fahrten nach Israel einen Teil der Überlebenden des vernichteten europäischen Judentums kennenzulernen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und sich so für eine bessere Zukunft einzusetzen. Mit einem gewissen Recht konnte dieser Fokus auf unsere deutsche Vergangenheit das aktuelle Unrecht, das Israel den Palästinensern angetan hatte, ausblenden. Aber damit ist es jetzt vorbei. Vielmehr kann und muss aus dieser Tradition der Menschenrechte heraus heute eine weitere Förderung der deutsch-israelischen Beziehungen den Aspekt des Ausgleichs zwischen jüdischer und arabischer Bevölkerung Israels und Palästinas in den Mittelpunkt stellen. Das bedeutet, Druck auf Israel auszuüben, sich gemäß den Regeln des Völkerrechts und der Demokratie zu verhalten.

 Die Freiheitsliebe: Herr Verleger, vielen dank für das Gespräch.

Das Interview führte Daniel Kerekes.

Rolf Verleger ist zudem Autor zahlreicher Essays und Bücher wie „Israels Irrweg“, erschienen im Papyrossa Verlag.

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